Ausdruck und Bewegung

Wilhelm Reich - Plasmatische Ausdrucksbewegung und emotioneller Bewegungsausdruck

Es ist schwierig, das »Lebendige« funktionell streng zu definieren. Die Vorstellungen der alten Psychologie und der Tiefenpsychologie sind an Wortbildungen gebunden. Das Lebendige aber funktioniert jenseits aller Wortvorstellungen und -begriffe. Die Wortsprache ist eine biologische Ausdrucksform auf bereits hoher Entwicklungsstufe. Sie ist kein unerlässliches Attribut des Lebendigen, denn das Lebendige funktioniert lange, ehe es eine Sprache und Wortbildung gibt. Die Tiefenpsychologie operiert daher mit einer spät entwickelten Lebensfunktion. Bei den Tieren gibt es den Ausdruck durch Laute. Doch das Lebendige funktioniert auch jenseits und vor aller Lautbildung als Ausdrucksform. Die Wortbildung selbst verrät den Zugang zum Problem, in welcher Weise sich das Lebendige ausdrückt. Das deutsche Wort »Ausdruck« und das englische »expression« beschreiben genau, offenbar auf Grund der Organempfindungen, die Sprache des Lebendigen: Das Lebendige drückt sich in Bewegungen aus, und wir sprechen daher von »Ausdrucksbewegung«. …

… Die wörtliche Bedeutung von »Emotion« ist »Herausbewegung«. Sie ist gleichzeitig »Ausdrucksbewegung«. Der physikalische Vorgang der plasmatischen Emotion oder Ausdrucksbewegung ist unabtrennbar verknüpft mit einer unmittelbar verständlichen Bedeutung, die wir den »Bewegungsausdruck« zu nennen pflegen. …

… Wenn auch die Sprache den plasmatischen Emotionszustand unmittelbar wiedergibt, so vermag sie an diesen Zustand selbst nicht heranzukommen. Das Lebendige funktioniert nicht nur vor und jenseits der Wortsprache; es hat überdies seine eigenen Ausdrucksformen der Bewegung, die mit Worten überhaupt nicht zu fassen sind. Jeder musikalische Mensch kennt den Emotionszustand, den große Musik hervorruft. Versucht man diese Emotionszustände in Worte zu fassen, so sträubt sich das musikalische Empfinden. Die Musik ist wortlos und will es bleiben. Sie ist trotzdem ein Bewegungsausdruck des Lebendigen und ruft im Hörer »Ausdruck« oder »Bewegtheit« hervor. Man pflegt die Wortlosigkeit der Musik entweder als Zeichen von mystischer Geistigkeit oder aber als allertiefsten, in Worten nicht fassbaren Gefühlsausdruck zu bezeichnen. Der naturwissenschaftliche Standpunkt bekennt sich zur Deutung, dass der musikalische Ausdruck mit letzten Tiefen des Lebendigen zusammenhängt. Was man als »Geistigkeit« großer Musik betrachtet, wäre demnach nur eine Umschreibung der einfachen Tatsache, dass Gefühlsernst identisch ist mit Kontakt mit Lebendigem jenseits der Sprachgrenze. …

… Der Bewegungsausdruck verschiedener Menschen mag im einzelnen sehr verschieden sein. Es gibt nicht zwei Individuen, die die genau gleiche Sprache oder Sperre der Atmung oder den gleichen Gang hätten. Trotzdem kann man einige allgemeingültige Ausdrucksformen unterscheiden. In der Tiefenpsychologie unterscheiden wir prinzipiell den »neurotischen« und den »genitalen« Charakter auf Grund der muskulären und charakterlichen Panzerung. Wir sagen, ein Charakter wäre »neurotisch«, wenn der Organismus von einem starren Panzer beherrscht wird, den der Betreffende nicht willkürlich verändern oder beseitigen kann. Wir sprechen von einem »genitalen« Charakter, wenn die emotionellen Reaktionen nicht durch starre Automatismen eingeschränkt sind, wenn also der Betreffende biologisch entsprechend der jeweiligen Situation, in der er sich befindet, zu reagieren vermag. …

… Die Panzerung, ihre Art, der Grad ihrer Starre und Einschränkung des emotionellen Bewegungsausdrucks lassen sich leicht beurteilen, wenn man einmal die biologische Ausdrucksprache zu beherrschen gelernt hat. Der Totalausdruck des gepanzerten Organismus ist der der »Zurückhaltung«. Dieser Ausdruck ist ganz wörtlich zu nehmen. Der Körper drückt aus, dass er sich zurückhält. Rückgezogene Schultern, hochgehaltener Brustkorb, festgeklemmtes Kinn, flacher, verhaltener Atem, hohles Kreuz, rückgezogenes, »stilles« Becken, »ausdruckslose« oder starr gestreckte Beine sind die wesentlichen Haltungsmechanismen der totalen Zurückhaltung. …

… Der gepanzerte Mensch fühlt die Haltung der Panzerung als solche nicht. Versucht man sie ihm in Worten zu beschreiben, so versteht er meist nicht, worüber man spricht. Er spürt nicht die Panzerung selbst, sondern nur die Verzerrung seiner inneren Lebensempfindungen. Er beschreibt sich als uninteressiert, steif, eingeengt, leer, oder er klagt über Herzpalpitation, Stuhlverstopfung, Schlaflosigkeit, innere nervöse Unruhe, Übelkeit etc. Hat die Panzerung sehr lange bestanden und auch die Gewebe der Organe beeinflusst, so kommt der Kranke zu uns wegen Magenulcus, Rheumatismus, Arthritis, Krebs oder Angina pectoris. …

… Der gepanzerte Organismus ist außerstande, seinen Panzer aufzulösen. Er ist aber auch außerstande, die primitiven biologischen Emotionen zu äußern. Er kennt das Kitzelempfinden, aber er weiß nicht, was orgonotische Lust ist. Er kann keinen Lustseufzer ausstoßen oder willkürlich imitieren. Statt eines Seufzers kommt typisch ein Stöhnen, unterdrücktes grollendes Brüllen oder gar ein Brechimpuls zum Vorschein. Er ist nicht imstande, einen Wutschrei auszustoßen oder seine Faust Wut imitierend niedersausen zu lassen. Er kann nicht voll ausatmen. Sein Zwerchfell ist in der Bewegung sehr eingeschränkt. Er vermag das Becken nicht vorwärts zu bewegen. Oft versteht der Gepanzerte nicht, was man von ihm verlangt, oder er führt die verkehrte Bewegung aus, also die, die in der Richtung der Zurückhaltung liegt. Die Überspannung des peripheren Muskel-Nervensystems stellt eine große Empfindlichkeit gegen Druck her. Man kann einen gepanzerten Organismus an bestimmten Stellen des Körpers nicht berühren, ohne hochgespannte Angst- oder Nervositätserscheinungen hervorzurufen. Wahrscheinlich lässt sich das, was der Volksmund als »Nervosität« bezeichnet, auf diese Überempfindlichkeit der hochgespannten Muskeln zurückführen. Aus der totalen Zurückhaltung folgt die Unfähigkeit zur plasmatischen Zuckung und Konvulsion im sexuellen Akt, also die orgastische Impotenz. Daraus folgt weiter die Stauung der sexuellen Energie, und aus der Sexualstauung folgt alles, was ich unter dem Begriff »Biopathie« zusammenfasse. Die zentrale Aufgabe der Orgontherapie ist die Zerstörung der Panzerung, mit anderen Worten die Herstellung der Beweglichkeit des Körperplasmas. …

… Ich sagte, die Haltung, von der der Orgasmusreflex seinen Ausgang nimmt, wäre identisch mit dem Bewegungsausdruck der »Hingabe«. Sie ist uns unmittelbar verständlich: Der Organismus gibt sich zunächst seinen plasmatischen Erregungen und Strömungsempfindungen hin; er gibt sich ferner völlig dem Partner in der sexuellen Umarmung. Jede Art Reserve, Zurückhaltung und Panzerung ist aufgegeben. Alle biologische Aktivität ist auf die Kernfunktion der plasmatischen Zuckung reduziert. Beim Menschen hört alle Denk- und Phantasietätigkeit auf. Der Organismus ist »hingegeben« im reinsten Sinne des Wortes. …

Quelle: Wilhelm Reich - Charakteranalyse (1933), Köln 1997, S.473 ff.