Körperpsychotherapie

Auf den Zusammenhang von Körper und Psyche zu schauen, ist ein wesentliches Element der Körperpsychotherapie (siehe auch "Was ist Skan?"). Durch den Körper werden psychische Erfahrungen erst möglich. Hier eine kurze Darstellung aus naturwissenschaftlicher Sicht: (Vertiefende Literaturempfehlungen s.u.)

Menschliches Erleben

Unser Erleben setzt sich immer zusammen aus Sinneswahrnehmungen und den willkürlich erzeugten Körperbewegungen (Sensomotorik). Hinzu kommen die besonderen Qualitäten des Fühlens (Affekte: Interesse, Freude, Überraschung, Trauer, Wut, Ekel, Verachtung, Angst, Scham, Schuld).

Bild
"neuronal 2" - Jonny Stadler, Aquarell, 2014

Sensomotorik und Affekte wirken auf die Veränderung des subjektiven Befindens und Erlebens. Sie beeinflussen unsere Vorstellungs- und Denkinhalte.

Signalreize aus der Umwelt werden über die Sinne (das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten) aufgenommen und verbinden so Nervenzellen im Gehirn zu funktionellen Einheiten. Alle Wahrnehmungen und Vorstellungen beruhen auf Verschaltungen von Nervenzellen zu Nervenzell-Netzwerken. Diese werden durch das Lernen von etwas Neuem und wiederholte und intensivierte Erfahrungen geknüpft und verstärkt. Bei fehlender Anregung können sie auch verkümmern.

Erinnerung und Gedächtnis

Wie wir uns in der Gegenwart erleben und verhalten, wird in jeder Sekunde unseres Daseins auch durch Erinnerungen und entsprechende Verhaltens- und Reaktionsmuster bestimmt. Aktuelle äußere Reize veranlassen das Gehirn in den bestehenden Nervenzell-Netzwerken nach ähnlichen Erinnerungen aus der eigenen Lebensgeschichte und den dazugehörigen Erlebnis- und Verhaltensmustern quasi zu suchen. Somit ist unser Erinnern vom jeweiligen Kontext abhängig, in dem wir uns befinden.

Man unterscheidet zwei Gedächtnisformen:

Das explizite Gedächtnis, auch Wissensgedächtnis, speichert Tatsachen und Ereignisse. In ihm finden sich Episoden, Ereignisse und Tatsachen aus dem eigenen Leben. Das im expliziten Gedächtnis gespeicherte autobiographische Wissen ist bewusst und kann in Sprache ausgedrückt werden.

Das viel umfangreichere implizite Gedächtnis wirkt sich auf unser Erleben und Verhalten aus. Der bewussten Aufmerksamkeit ist es nicht unmittelbar zugänglich und es enthält weder sprachliche noch bildhafte Inhalte. Es wird überwiegend von kurzen, impulsartigen Gefühlsregungen (Affekten) bestimmt. Seine sensomotorische Struktur bildet eine untrennbare Einheit mit dem Körper. Im impliziten Gedächtnis sind besonders auch die traumatischen Erinnerungen gespeichert.

Zwischenmenschliche Beziehungen

Für das Erleben und Gestalten zwischenmenschlicher Beziehungen benutzen wir reflexartig überwiegend implizites, d.h. intuitives Wissen - das sich im Verlauf aller bisherigen Beziehungserfahrungen unseres Lebens entwickelt hat.

Es gibt verunsichernde Beziehungserfahrungen, die existentiell sind. Dazu zählen die gestörte Zuverlässigkeit von Bindungen, Ängste vor dem Verlust von Beziehungen und Personen oder auch tatsächlich erlittene Verluste. Daraus folgen sehr oft verinnerlichter Anpassungsdruck an die Bedürfnisse anderer und gleichzeitig eine zu starke Zurückstellung eigener Bedürfnisse. Und nicht zuletzt beeinflussen Erfahrungen von Gewalt die Gegenwart von Menschen nachhaltig.

All diese Erfahrungen hinterlassen manchmal schwerwiegende psychische Spuren und gesundheitliche Beschwerden. Insbesondere befriedigende, erfüllende zwischenmenschliche Beziehungen können nicht erlebt und gestaltet werden. Aus diesem Mangel entsteht das Bedürfnis und oft die Notwendigkeit, zu lernen, über alte Gewohnheiten und Muster hinauszuwachsen und den eigenen Lebensstil zu ändern.

Wahrnehmung und Lernen

Wir erfahren uns und unsere Umwelt also in der Interaktion mit ihr und durch den Körper.

Was wir wahrnehmen und woran wir uns erinnern entspricht -laut Gehirnforschung- dabei keineswegs einer objektiven und feststehenden Wahrheit. Das Erleben unserer menschlichen Welt veranlasst das Gehirn aus elektrischen und chemischen Signalen ständig neue Vorstellungen und Empfindungen zu konstruieren. So passt sich der Mensch immer wieder seiner Umwelt an. Lebensgeschichtlich geprägte Strukturen sind folglich veränderbar. Die menschlichen Nervenzell-Netzwerke können sich also weiterentwickeln oder neu entstehen- bis ins hohe Alter.

Die potentielle Anpassungsfähigkeit oder auch Lernfähigkeit des Gehirns (Neuroplastizität), ist abhängig davon, was wir erleben und was wir tun. Wiederholte Reize zu erfahren intensiviert das Lernen und führt zu einer intensiveren Verbindung der betroffenen Nervenzellen. Mit fortschreitendem Lernprozess werden zunehmend gezieltere und differenzierte Reaktionen möglich. Das wirkt sich auf die Fähigkeiten der Selbstreflexion und -regulation aus. Besonders unser Körperbild, unser Selbstbild und unser Selbstgefühl sind auf eine fortlaufende Bestätigung durch Sinnesreize und den ununterbrochenen Zufluss aktueller sensorischer Daten angewiesen.

Psychische Struktur ist also dynamisch und von der aktuellen körperlichen Verfassung und Beziehungserfahrungen abhängig. Frühkindliche Einflüsse und Erlebnisse, die unseren Charakter geprägt haben, beeinflussen am stärksten wie spätere Erfahrungen verarbeitet werden.

"Unser Gehirn vernetzt sich, denkt und arbeitet so, wie wir es benutzen, und neue Vernetzungen bilden sich vor allem dann besonders rasch heraus und werden immer dann besonders fest verknüpft, wenn das, womit wir uns intensiv beschäftigen, für uns von ganz besonderer Bedeutung ist - wenn es unter die Haut geht, wenn es uns begeistert, aufregt oder auf andere Weise mit einer Aktivierung der emotionalen Zentren in den tieferliegenden Bereichen unseres Gehirns einhergeht."(Gerald Hüther, 2009)

Körperpsychotherapie

Häufig leben wir in einem gestörten Verhältnis zu eigenen inneren Empfindungen, die wir dadurch nur unvollständig wahrnehmen oder blockieren. Viele psychische und oft daraus resultierende körperliche Probleme haben ihre Ursache in dieser gestörten Beziehung zu uns selbst. Daher hat der Prozess der seelischen Veränderungen immer damit zu tun, wieder einen gesunden Zugang zum eigenen Fühlen zu finden.

Die Körperpsychotherapie bietet an, (therapeutische) Beziehungssituationen unter Einbeziehung aller Sinnesorgane, Affekte und Motorik bewusst zu gestalten. Damit geht sie über ausschliesslich sprachliche Therapiekonzepte hinaus. Dieses geschieht sowohl in der Einzelsitzung als auch in der Gruppenarbeit.

Achtsames Erleben kann wieder neu entdeckt oder vertieft werden. Identifikation mit gewohnten, unflexiblen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern kann dabei nach und nach aufgegeben werden. Sinneseindrücke regen unser Wachsein und Bewusstsein deutlich an und führen zu einer neuronalen Aktivitätssteigerung -der Voraussetzung für Veränderung.

Unser Erleben ist von Erinnerungen beeinflusst und kann Erinnerungen auslösen. In der Körperpsychotherapie bieten wir einen Erfahrungsraum für intensive Sinneseindrücke und Körperbewegungen. Diese können erzeugt oder verstärkt werden, indem ganz bewusst unterschiedliche Stimmungen simuliert werden, die bei jedem Menschen in Erinnerungen latent vorhanden sind. Diese Stimmungen zu fühlen kann spezifische Erinnerungen an eigene wesentliche Lebensereignisse und Tatsachen an die Oberfläche bringen. So erlangen wir unmittelbaren Zugang zum impliziten Gedächtnis. Unbewusstes, lange Verdrängtes oder Inhalte traumatischer Erfahrungen können in einem heilsamen Rahmen wiedererlebt werden. Bedeutsame, neue Begegnungen oder Beziehungserfahrungen, die eine liebevolle und unterstützende Qualität haben, können alte Erinnerungen verändern. Wenn diese Erfahrungen auch einen sprachlichen Ausdruck bekommen und vertieft werden, sind sie zukünftig für eine Situation der gleichen emotionalen Qualität im expliziten Gedächtnis abrufbar.

Ganzheitliche Erfahrungen können unsere Selbstwahrnehmung positiv erweitern – und uns eine alternative erlernbare Möglichkeit der Selbstveränderung anbieten. Das erinnerte gewohnte Erleben relativiert sich und wird in diesem Lernprozess im günstigen Fall nach und nach abgelöst.

In der Körperpsychotherapie versuchen wir deshalb besonders in Begegnungen mit uns selbst und mit anderen Menschen in unterschiedlichsten Settings auch ungewohnte Reaktionen zu erlauben. Dabei kann man einen neuen Umgang mit eigenen Impulsen kennenlernen und ungewohnte Fragen stellen. Es wird ein liebevoller Raum für neue emotionale Erfahrungen, Empfindungen jeglicher Art und ihre Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet - um dann auch im Alltag neue Sicht- und Verhaltensweisen wagen zu können. Vor allem dort, wo bisher durch Angst, übergroße Scham oder Rücksichtnahme eine Einengung bestand.

Das Ganze geschieht im Rahmen von tragfähigen Beziehungen, die in der kontinuierlichen Einzel- oder Gruppenarbeit zu TherapeutIn und anderen Teilnehmern wachsen können.

Letztendlich ermöglicht die Körperpsychotherapie eine größere Auswahl an Verhaltensweisen. Wir können nun wählen zwischen den manifestierten, unbefriedigenden oder gewohnten Verhaltensmustern und einem Verhalten, das aus der neu entstandenen Selbstliebe entspringt. Einer Selbstliebe, die das liebevolle eigene Sein auf die Beziehung zu anderen Menschen und schließlich die ganze Schöpfung ausdehnt.

Literatur:

Gustl Marlock, Halko Weiss (Hrsg.):
Handbuch der Körperpsychotherapie
Stuttgart, New York, Schattauer GmbH, 2006

Joachim Bauer
Das Gedächtnis des Körpers
Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern
Eichborn, Frankfurt, 2002
Piper, München, seit 2004

Joachim Bauer
Warum ich fühle was du fühlst – Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone.
Hoffmann und Campe, Hamburg, 2005

Joachim Bauer
Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren
Hoffmann und Campe, Hamburg, 2006

Gerald Hüther
Biologie der Angst
Wie aus Streß Gefühle werden
Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. Kg, Göttingen, 2007

Gerald Hüther
Männer
Das schwache Geschlecht und sein Gehirn
Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. Kg, Göttingen, 2009

Antonio R. Damasio
Descartes` Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn
Ullstein Buchverlage GmbH, 2004